Regionalliga Nordost

Vom Erfurt-Schock zur Zuversicht

Klare Ansage von Enis Alushi: »Ich muss auf Teufel komm raus am Spieltag irgendwie präsent sein.« Foto: Patrick Skrzipek

Das Sportforum macht wieder Spaß. Der BFC Dynamo spielt mutig, sammelt Punkte und hat seinem Publikum den Glauben an die eigene Mannschaft zurückgegeben. Nur einer weigert sich beharrlich, aus der guten Stimmung eine fertige Erfolgsgeschichte zu machen: Enis Alushi. »Trotzdem sind wir inhaltlich immer noch nicht hundert Prozent zufrieden«, sagt der Geschäftsführer Sport. Ein Satz, der sein Zwischenfazit nach 14 Spieltagen der Regionalliga Nordost ziemlich genau trifft.

Im von BFC.tv veröffentlichten Interview, das diesem Artikel zugrunde liegt, erklärt Alushi den Aufschwung mit vielen kleinen Schritten und zwei großen Eingriffen in den Kader. Dabei wirbt er dafür, hinter den Ergebnissen die Entwicklung zu sehen. Auch jetzt, da sich der Blick auf die Tabelle wieder lohnt.

Erst der Umbruch, dann die Korrekturen

Als Alushi im Februar 2025 beim BFC antrat, ging es zunächst ums Kennenlernen: Mannschaft, Strukturen, Möglichkeiten. Schnell stand fest, dass es im Sommer einen tiefen Einschnitt geben würde. »Wir wollten eine neue Philosophie reinbringen in die Mannschaft, in die Spielweise.«

20 oder 21 neue Spieler seien es damals gewesen, erinnert sich Alushi. »Es war klar, dass man eine ganze Philosophie oder eine ganze Identität der Spielweise nicht innerhalb eines Transferfensters verändern kann.« Seine Rechnung: »Man braucht drei bis vier Transferfenster.«

Es folgte eine schwierige Saison 2025/26. Verletzungen störten bereits die Vorbereitung, Niederlagen beschädigten das Selbstvertrauen, der Klassenerhalt wurde spät gesichert. Alushi beschreibt eine Mannschaft, die sich durch die Hinrunde kämpfen musste. Kurz vor dem Winter folgte der Trainerwechsel. Er habe »einfach eine neue Energie in die Mannschaft bringen« müssen.

Unter Sven Körner wurden die Inhalte nach Alushis Darstellung anschließend klarer vermittelt. Der Sportchef sah eine positive Tendenz, aber auch einen Kader, der weitere Korrekturen brauchte. Im Sommer 2026 wurde deshalb erneut umgebaut. Diesmal gezielter. Dass bei mehr als 20 Neuzugängen nicht jede Personalentscheidung aufgehen würde, hatte Alushi einkalkuliert.

Erfurt traf vor allem den Kopf

Die zweite Sommer-Vorbereitung verlief nach Wunsch. Gute Bedingungen, passende Testgegner, kaum Verletzungen: Eigentlich war alles angerichtet. Bis der BFC zum Auftakt in Erfurt 1:4 verlor. Alushis Urteil fällt deutlich aus: »Es war einfach ein Kollektivversagen.« Die erarbeiteten Inhalte waren auf dem Platz kaum zu erkennen.

Die Niederlage machte die Arbeit der Wochen zuvor allerdings nicht wertlos. Genau das musste die Mannschaft erst wieder begreifen. Nach einer »sechswöchigen Topvorbereitung« rückte plötzlich die psychologische Arbeit in den Vordergrund. Die Aufgabe lautete, die Spieler »wieder im Kopf frei zu bekommen« und ihnen zu vermitteln, dass sie es können.

Inzwischen gibt es dafür handfeste Belege. Auf das 1:0 bei Altglienicke folgten ein 1:1 gegen Chemnitz und ein 0:0 in Jena: fünf Punkte aus drei anspruchsvollen Begegnungen. Der BFC hat sich sportlich deutlich mehr erarbeitet als bloß Abstand zu den unteren Rängen.

Alushi sieht eine Mannschaft, die ihre Spielidee zunehmend verinnerlicht. »Sie verstehen es, sie sehen es, sie verstehen auch, dass es funktioniert.« Der Erfolg erleichtert die Vermittlung; die bessere Umsetzung schafft wiederum die Grundlage für neue Ergebnisse.

Euphorie mit Arbeitsauftrag

Die Fans seien mittlerweile »sehr, sehr viel positiver gestimmt als zu Beginn der Saison«, freut sich Alushi. Genau diese Euphorie wollte der BFC entfachen. Der Sportchef sieht allerdings die Gefahr, dass Siege den Blick für Schwächen verstellen. »Perfekt wird man nie sein, aber wir wollen nah dran kommen, was die Regionalliga betrifft.«

Deshalb werde auch in guten Phasen herausgearbeitet, was noch nicht funktioniert. »Da wollen wir akribisch weiter dranbleiben und uns nicht von dieser Euphorie blenden lassen.« Die Mannschaft soll ihre Leistung wiederholen können.

Anschaulich wird der Ansatz bei den Standards. Wo der Interviewer rückblickend über harmlose Eckbälle spottet, verweist Alushi auf zusätzliche Trainingsarbeit. Der Co-Trainer sammelt Anregungen aus dem europäischen Fußball, die Einheiten schaffen bewusst Platz zum Einstudieren. Geschult werden Ausführung und Einlaufverhalten im Strafraum. »In dieser Liga sind Standardsituationen eine wertvolle Geschichte.«

Damit benennt Alushi einen unspektakulären, aber wichtigen Teil des Aufschwungs: Zeit für Wiederholungen, abgestimmte Bewegungen, saubere Ausführung. Auch eine Mannschaft mit einer ambitionierten Spielidee muss sich die vermeintlich einfachen Dinge erarbeiten.

Wenn es sein muss, dann greift der Geschäftsführer Sport des BFC Dynamo selbst ins Geschehen ein. Wenn auch nur im Training. Foto: Patrick Skrzipek

Warum Alushi unpopuläre Entscheidungen trifft

Die neue Intensität beginnt für Alushi schon bei der Auswahl der Spieler. Der Kader sei »etwas dynamischer und jünger« geworden. »Wir sind eine der intensivsten Mannschaften dieser Liga, was die Laufwerte betrifft«, sagt er. Vergleichsdaten nennt er im Interview nicht. Deutlich wird aber, welchen Stellenwert die körperlichen Voraussetzungen für den gewünschten Fußball haben.

Dass dafür auch verdiente Spieler gehen mussten, hat im Umfeld Fragen ausgelöst. Alushi weicht ihnen nicht aus. »Es geht mir um das Hier und Jetzt und was wir daraus machen können.«

»Da muss man in meiner Position Sachen emotionsloser sehen als der eine oder andere«, erklärt er. Das geschehe »im Sinne des Vereins«. Der entscheidende Satz folgt gleich hinterher: »Ich muss so arbeiten, dass der BFC am Ende das Bestmögliche bekommt.«

Die Kandidatensuche erledigt der Geschäftsführer Sport zu großen Teilen selbst. »Wir sind beim BFC noch nicht so breit aufgestellt, dass wir da Scouts haben, um die Arbeit zu machen, sondern das mache ich selber.« Live-Eindrücke, persönliche Gespräche und der Austausch mit dem Trainerteam sollen am Ende zwei oder drei geeignete Kandidaten pro Position ergeben.

Gesucht wird in den Regionalligen, den Oberligen, der 3. Liga und im Nachwuchs. Lange Listen sind dabei erst der Anfang. Sobald die entscheidenden Kriterien angelegt werden, schrumpft die Auswahl. Danach muss geklärt werden, ob ein passender Spieler für den BFC auch zu bekommen ist. Zwischen Wunsch und Unterschrift liegt gerade in der Regionalliga eine wirtschaftliche Prüfung.

Der Nachwuchs muss auch die Zukunft finanzieren

U17- und U19-Spieler trainieren regelmäßig bei der ersten Mannschaft. Drei bis vier Talente seien derzeit eingebunden, berichtet Alushi. Der Weg nach oben bleibt anspruchsvoll: Zwischen Junioren- und Herren-Regionalliga liege »ein Riesenunterschied«.

Dass sich Ausbildung auszahlen kann, zeigen Moritz Polte und Bennedikt Wüstenhagen. Ihre Wechsel zu Waldhof Mannheim beziehungsweise zur Dortmunder U23 bestätigte bereits der Saisonvorbericht des rbb. Für Alushi verbinden sich solche Schritte mit einer wirtschaftlichen Notwendigkeit. »Wir sind wirtschaftlich nicht so aufgestellt, um mit den ganz Großen in dieser Liga mithalten zu können.«

Sein Fazit klingt entsprechend bodenständig: »Wir müssen den Laden hier am Laufen halten.« Dazu gehöre, selbst ausgebildete Spieler irgendwann gewinnbringend abzugeben. Ein Talent soll zunächst die eigene Mannschaft besser machen und kann mit seinem nächsten Karriereschritt zugleich neue Möglichkeiten für den Verein eröffnen.

Ein neuer Keeper, eine offene Winterplanung

Akut handeln musste der BFC zuletzt im Tor. Paul Hainke fällt mit Schambeinproblemen aus, Kevin Sommer rückte in Jena zwischen die Pfosten. Weil die Dauer der Pause unklar sei, kam Steffen Westphal hinzu. Mit nur einem verfügbaren Torhüter die restliche Runde anzugehen, könne sich der Verein nicht leisten, begründet Alushi die Verpflichtung.

Westphal stand bereits im Sommer auf der Liste. Ausschlaggebend ist neben der Absicherung eine Eigenschaft, die zur gesamten Kaderplanung passt: »Der Torwart ist bei uns am Spielaufbau stark beteiligt.« Der Neuzugang sei dabei »sehr mutig« und »ruhig am Ball«.

Ob im Winter weitere Verstärkungen folgen, lässt Alushi offen. Zunächst sollen die Hinrunde und die Entwicklung der eigenen Spieler bewertet werden. Zusätzliche Möglichkeiten erhofft er sich von den Rückkehrern. Américo Neves trainiere nach seinem Kreuzbandriss wieder voll, auch Herdi Bukusu sei zurück. Bei Salmin Rebronja bleibe nach wiederholten Rückschlägen dagegen Geduld gefragt.

Alushis grundsätzliche Überzeugung: »Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass wirklich jeder Spieler in dieser Saison noch seine Wichtigkeit haben wird.« Ein schmaler Kader braucht seine Reserven. Und eine erfolgreiche Hinrunde beantwortet noch nicht sämtliche Fragen für den Winter.

Pokalfrust und ein kleiner Aberglaube

Eine Einschränkung hat die positive Bilanz ohnehin: das Pokal-Aus gegen Tennis Borussia im Elfmeterschießen. »Gegen den Oberligisten ist es unser Anspruch, dann auch weiterzukommen«, sagt Alushi. Seine Mannschaft sei trotz Überlegenheit »nicht konsequent genug« gewesen. Den Begriff Blamage lehnt er ab. »Es war kein schöner Tag«, räumt er dennoch ein.

Hier zeigt sich die Kehrseite des eigenen Anspruchs. Dominanz muss sich auch gegen einen tief verteidigenden Gegner in klaren Chancen und Toren niederschlagen. Dass dies gegen TeBe misslang, lässt sich mit der guten Entwicklung in der Liga nicht aufrechnen. Alushi benennt den Fehler, will sich aber auch nicht länger daran festhalten als nötig.

Der nächste Auftritt soll wieder Freude bringen: Am Freitag, 30. Oktober, empfängt der BFC um 19 Uhr den RSV Eintracht 1949. Alushi wirbt im BFC.tv-Interview um Unterstützung: »Die Jungs haben sich auch einfach verdient, die maximalste Unterstützung zu bekommen.«

Und falls es zusätzlich einen Glücksbringer braucht? Alushi bestätigt augenzwinkernd, dass der BFC ohne ihn vor Ort noch nicht gewonnen habe. Er müsse »auf Teufel komm raus am Spieltag irgendwie präsent sein«. Für den Mann der Prinzipien darf es offenbar auch ein bisschen Aberglaube sein.

Text: Holger Elias

Sport Freak

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