Regionalliga Nordost
Schmaler Grat zwischen Anspruch und Absturz
Der 14. Spieltag bringt Ernüchterung in die Filmstadt: Der SV Babelsberg 03 kassiert gegen den frech aufspielenden Aufsteiger BFC Preussen eine krachende 2:5-Heimpleite. Es war ein Spiel, das all die Brüche offenlegte, die sich in den vergangenen Wochen bereits angedeutet hatten – technisch gefällig, defensiv naiv, mental fragil.
Von Holger Elias
»Wir wussten, dass Babelsberg spielstark ist, der Tabellenplatz täuscht da, aber wir wollten sie locken«, erklärte Preussen-Coach Daniel Volpert nach dem Schlusspfiff. »In der ersten Halbzeit haben wir zu offen gespielt, das tat uns nicht gut. Danach haben wir kompakter gestanden – und endlich mal unsere Chancen eiskalt genutzt.«
In Zahlen liest sich das so: Babelsberg 52 Prozent Ballbesitz, 87 Prozent Passquote, 16 Abschlüsse – und doch nur zwei Tore. Preussen kam auf lediglich zehn Schüsse, traf aber fünfmal ins Ziel, eine Schussgenauigkeit von bemerkenswerten 80 Prozent. Es war ein Musterbeispiel für Effizienz und taktische Reife.
Dabei begann alles verheißungsvoll für den SVB. Schätzle (16.) und Didoss (24.) sorgten mit präzisen Abschlüssen für die zwischenzeitlichen Führungen. Doch die Defensive blieb das schwächste Glied: Zwei simple Standardsituationen – ein Strafstoß und ein Freistoß kurz vor der Pause – genügten, um den Gegner zurückzubringen. »Du kannst in der Regionalliga nicht so verteidigen, das geht einfach nicht«, haderte Babelsbergs Trainer Ronny Ermel. »Hurra nach vorn heißt eben auch Hurra hinten. Heute wurde jeder Fehler bestraft.«
Nach dem Seitenwechsel kippte das Spiel endgültig. Babelsberg verlor den Zugriff im Zentrum, die Abstimmung zwischen Zeiger, Bürger und den Außenverteidigern war dahin. Volperts Elf lauerte geduldig, schaltete bei jedem Ballgewinn blitzartig um – und schlug gnadenlos zu: Ramadan (71.), Frank (80.) und Meyer (89.) trafen in einer Phase, in der Babelsberg auseinanderfiel. »Das 3:2 war der Genickbruch«, bekannte Ermel. »Danach war der Stecker gezogen, die Jungs in Schockstarre.«
Auch die Bepro-Daten unterstreichen den Trend: Preussen lief 1,3 Kilometer mehr, sprintete häufiger (98 Sprints) und mit höherer Maximalgeschwindigkeit (35,65 km/h) als Babelsberg. Trotz geringeren Ballbesitzes gewann der Aufsteiger die entscheidenden Duelle im Mittelfeld, wo Babelsbergs Passnetz in der zweiten Halbzeit zunehmend ins Leere lief. Während die Gastgeber 24 Flanken schlugen, kam nur eine an – Preussen traf viermal per Hereingabe. In der Passprogression lag Babelsbergs Erfolgsquote im Angriffsdrittel bei 83,8 Prozent, doch die vertikale Durchschlagskraft fehlte: nur elf Schlüsselpässe gegenüber sieben der Berliner, die jedoch fast alle in Torchancen mündeten.
»Heute hatten wir mal das Momentum, sonst waren wir oft die Mannschaft, die Lehrgeld gezahlt hat«, so Volpert mit einem Anflug von Genugtuung. »Wir haben gelernt, dass man nicht immer vorn attackieren muss, sondern auch mal klug verteidigen kann.«
Für Babelsberg hingegen reiht sich das Spiel ein in eine Kette von Enttäuschungen: sechs Partien ohne Sieg, 17 Gegentore in diesem Zeitraum. Die Mannschaft wirkt ausgebrannt, zu oft im Offensivrausch die defensive Balance verlierend. Torwart Babke, bei fünf Gegentreffern mit nur drei Paraden, stand sinnbildlich für die Verunsicherung. Auch körperlich blieb das Team blass: weniger Sprints, geringere Durchschnittsgeschwindigkeit, schwächere Intensitätswerte (6,4 % Anteil intensiver Läufe).
»Wir müssen den Hurra-Modus abstellen, sonst wird’s bitter«, sagte Ermel zum Abschluss. »Wir schauen uns das an – und dann geht’s am Freitag gegen Halle weiter.«
Für den BFC Preussen bedeutet der Coup von Potsdam indes den dritten Sieg in Folge, darunter das spektakuläre 3:2 gegen Zwickau. Mit nun 22 Punkten rücken die Berliner in sichere Tabellengefilde vor. Volperts Konzept – mutiges Pressing, schnelle Vertikalität, konsequentes Ausspielen der Umschaltmomente – trägt Früchte. Die Mannschaft hat in den letzten drei Partien elf Tore erzielt, was selbst etablierte Regionalliga-Größen aufhorchen lässt.
Babelsberg dagegen steht am Scheideweg. Die Idee des dominanten Ballbesitzfußballs droht, zur Selbstfalle zu werden. Hohe Passquoten, viel Kontrolle – aber keine Stabilität. Ein Team, das sich in Schönheit verliert, während der Gegner nüchtern trifft. Der nächste Gegner heißt Hallescher FC – und für Ronny Ermel könnte es ein Schlüsselspiel werden. Noch hat der SVB genug Substanz, doch der Grat zwischen Anspruch und Absturz wird schmaler.
Preussen liefert ein taktisches Lehrstück in Effizienz und Kompaktheit. Babelsberg besitzt weiter viel Talent, aber kein Gleichgewicht. Das 2:5 war mehr als eine Niederlage – es war ein Weckruf, der laut genug sein sollte, um in Potsdam gehört zu werden.
(In dem Beitrag verwenden wir die Daten des Anbieters Bepro.)
