Regionalliga Nordost
Jena dreht ein wildes Flutlichtspiel
Ein Spitzenspiel mit allen Zutaten – Tempo, Kanten, Krawall. Am Ende setzte sich der FC Carl Zeiss Jena mit 3:2 (1:1) beim BFC Dynamo durch, weil die Thüringer nach holprigem Start kühler blieben und die Schlüsselmomente erwachsener bespielten. »Es war das erwartet schwere Spiel«, ordnete Jenas Coach Volkan Uluc ein. »Der BFC hat wirklich eine hohe Qualität… Für die Zuschauer war’s ein toller Abend.«
Der BFC legte tatsächlich los wie die Feuerwehr, presste hoch, gewann die ersten zweiten Bälle und kam früh zu drei dicken Gelegenheiten. »Gunte – auf der Linie geklärt, Reinke mit ’nem guten Schuss… und Scherbakowski aus zehn Metern drüber«, zählte Dennis Kutrieb auf – und setzte sofort den Stachel: »Gegen eine Spitzenmannschaft musst du die nutzen.« Das 1:0 fiel dann aus dem Nichts und doch folgerichtig: aggressiver Ballgewinn, sauberer Abschluss – die Berliner belohnten sich für ihr Anlaufen.
Jenas Antwort war die erste Reifeprüfung des Abends. »Fehler passieren – wichtig ist die Reaktion«, sagte Uluc. Die kam in Form eines kunstvoll gezirkelten Freistoßes zum 1:1 unmittelbar vor der Pause – statistisch ein Sonderfall, inhaltlich der Umschwung: Bepro weist Jena zwar nur einen direkten Freistoßversuch aus, aber eben mit maximaler Effizienz; insgesamt hatten die Gäste 18 Standards, der BFC 13 (Jena 1 Tor aus Standard, BFC 1 Gegentor aus Standard).
Nach dem Seitenwechsel erhöhte Jena die Schlagzahl. Uluc: »Mit dem 3:1 fühlst du dich auf der Siegerstraße, aber in dem Spiel war alles möglich.« Der Dreh- und Angelpunkt der Wende war Kevin Lankford, einst im BFC-Trikot. Erst scheiterte der nominelle Schütze vom Punkt – dann staubte Lankford den parierten Elfer zum 2:1 ab. Kurz darauf lief die beste Jenaer Kombination des Abends über die linke Bahn, der eingewechselte Seidemann vollendete zum 3:1 – ein Angriff, »herausragend ausgespielt«, wie Kutrieb fair anerkannte.
In der Zahlenlage spiegeln sich beide Gesichter der Partie: Jena mit leichtem Ballbesitzplus (51:49) und der besseren Boxpräsenz (Schüsse im Strafraum 8:6), auch die Effizienz stimmte (10:8 Abschlüsse, 5:3 aufs Tor, Schussgenauigkeit 50 Prozent zu 37,5 Prozent). Der BFC wiederum passte sauberer (Passquote 76,5 Prozent zu 73,7 Prozent), gewann mehr 1-gegen-1-Duelle (4/6, 66,7 Prozent zu 3/9, 33,3 Prozent) und grätschte mit höherer Erfolgsquote (62,3 Prozent zu 55,6 Prozent). In der Luft lag Jena vorne (Luftzweikämpfe-Erfolg 52,2 Prozent zu 47,8 Prozent), am Boden hatte der BFC ein kleines Plus (51,7 Prozent zu 48,3 Prozent). Die Flankenbilanz spricht für Jena in Menge und Qualität (19 Flanken/21,1 Prozent erfolgreich; BFC 14/14,3 Prozent). Summa summarum: hochgradig ausgeglichen – mit dem Edge in den gefährlichen Zonen auf Jenaer Seite.
Der BFC kam zurück: Scherbakowski verkürzte zum 2:3, es lag »zum Schluss sowas wie gegen Greifswald – ein 3:3 – in der Luft«, wie ein Fragesteller in der Pressekonferenz anmerkte. Doch Dynamo nahm sich in der Schlussphase selbst den Boden unter den Füßen weg: fünf Gelbe, eine Ampelkarte – Bepro listet 16 Fouls (Jena 11) und 5:2 Verwarnungen. Für Kutrieb war das die Zündschnur: »Ich bin auf 180. Eine absolute Frechheit, was hier heute abgelaufen ist.« Der Elfmeterpfiff gegen seine Elf – »kein Handelfmeter«, die Gelb-Rote für eine Schwalbe an der Außenlinie – »hab ich in 45 Jahren noch nicht erlebt«.
Zwischen den Zeilen machte Kutrieb aber auch die wahren Defizite aus: »Wir hätten uns in entscheidenden Situationen cleverer anstellen müssen… den zweiten Ball beim Elfer, das 3:1 fällt zu schnell.« Und er zeichnete das psychologische Profil seiner Mannschaft: jung, dynamisch, anfällig für Nackenschläge. »Das findet viel zwischen den Ohren statt.« Positiv: die personelle Justage. Putaro als gelernter Schienenspieler auf links band den offensiven Butzen, Reinke kehrte in seine Wohlfühlzone zurück – »dann sieht man, was er anstellen kann«. Und: Auf die Rückkehr des Wandspielers Dadaschov hofft man weiter, er stand nach nur einer Einheit immerhin wieder im Kader.
Uluc wiederum ordnete nüchtern ein, warum Jena oben mitläuft – trotz wackliger Phasen zuletzt: »Zu Null ist in dieser Liga herausragend, keine Selbstverständlichkeit. Entscheidend ist die Reaktion des Teams. Der Zusammenhalt, der Charakter – und Lösungen finden.« In Zahlen heißt das: Jena verlor zwar viele 1-gegen-1-Aktionen, entschied aber die wichtigen Mittelfeldräume über saubere Staffelung und bessere Boxbesetzung (mehr Abschlüsse im Sechzehner, höhere Flankenaktivität; 373 erhaltene Pässe vs. 393 beim BFC, aber zielstrebiger in die Tiefe).
Jena gewann ein Spiel, das auf der Rasierklinge stand, durch Coolness in den Big Moments und klare Abläufe im Umschalten. Der BFC hinterließ Moral und Meter – aber zu wenig Konsequenz in beiden Strafräumen und zu viel Nerv im Grenzbereich der Regeln. Kutrieb kennt die Baustellen (»Leergeld, das wir bezahlen – aber wir werden stärker zurückkommen«) und hat sofort die nächste Bewährungsprobe auf dem Zettel: Landespokal bei Eintracht Mahlsdorf, dann Luckenwalde und Chemnitz. Uluc gab zwei Tage frei – und die Marschroute aus: »Nicht mit dem Erfolg nachlassen. Jetzt kommen Halle und Erfurt. Wir sind gut beraten, konsequent weiterzuarbeiten.«
Analyse: Holger Elias / Datenbasis: Bepro
